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Was die Schweizer Forschung über medizinisches Cannabis weiss
Wer in der Schweiz heute über medizinisches Cannabis spricht, stützt sich auf eine überraschend dichte Forschungslandschaft: epidemiologische Daten der Universität Zürich, chemisch-pharmakologische Grundlagenforschung an der ETH und das nationale Meldesystem MeCanna des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Was wir wissen, was wir noch nicht wissen, und woher die Daten kommen.
1. ISGF (UZH): Wer in der Schweiz Cannabis therapeutisch nutzt
Am Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung (ISGF) der Universität Zürich wurde 2019 die im Auftrag des BAG durchgeführte BAG-Medizinalcannabis-Studie abgeschlossen. Sie hatte das Ziel, «Cannabiskonsumierende, die Cannabis zu therapeutischen Zwecken nutzen, genauer zu beleuchten».
Wichtige Befunde aus dem Projektkontext:
- Der Zugang zu medizinischem Cannabis war administrativ stark eingeschränkt. Das ISGF bezeichnete den Zugang als «nach wie vor mit administrativen Hürden verbunden», was viele Betroffene in den Graumarkt drängte.
- Patientinnen und Patienten griffen aus Kosten- und Versorgungsgründen häufig auf nicht verschreibungspflichtige Quellen zurück.
- Zu den langfristigen Zielen zählte explizit «eine Kostensenkung von medizinisch benutztem Cannabis sowie die Eliminierung administrativer Hürden».
Ein begleitendes Faktenblatt unterscheidet rekreative und medizinische Beweggründe und liefert eine empirische Basis dafür, wie sich diese Gruppen in der Schweiz tatsächlich unterscheiden, ein Bild, das in der medialen Debatte oft verwischt wird.
Die Studie wurde 2022 in der politischen Argumentation für die Gesetzesänderung zitiert und ist eine der wenigen breit angelegten Schweizer Datengrundlagen zur Patientenperspektive.
2. ETH Zürich: Grundlagenforschung zu Cannabinoid-Rezeptoren
An der ETH Zürich beschäftigt sich die Gruppe von Prof. Erick Carreira (Departement Chemie und Angewandte Biowissenschaften) seit Jahren mit der Pharmakologie der Cannabinoid-Rezeptoren. 2018 stellte das Team photoschaltbares THC vor: Tetrahydrocannabinol-Varianten, deren räumliche Struktur sich mit UV-Licht verändern und mit blauem Licht wieder zurückschalten lässt.
Was zunächst exotisch klingt, ist methodisch relevant:
- Forschende können CB1-Rezeptoren räumlich und zeitlich präzise aktivieren oder deaktivieren, was mit klassischen pharmakologischen Werkzeugen nicht möglich war.
- Damit lässt sich besser verstehen, wie das körpereigene Endocannabinoidsystem Schmerz, Gedächtnis, Bewegungssteuerung und Stimmung reguliert, also genau die Felder, in denen medizinisches Cannabis klinisch eingesetzt wird.
- Solche Grundlagenarbeiten sind die Voraussetzung, um künftig gezieltere Cannabinoid-Therapeutika zu entwickeln, mit weniger psychotropen Nebeneffekten.
Die ETH liefert hier nicht die klinische Evidenz, sondern das mechanistische Verständnis, ohne das gezielte Arzneimittelentwicklung kaum gelingen kann.
3. MeCanna (BAG): die nationale Real-World-Datenbasis
Mit der Gesetzesänderung vom 1. August 2022 hat das BAG das nationale Meldesystem MeCanna eingeführt. Verschreibende Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, anonymisierte Daten zur Cannabistherapie zu erfassen. Erhoben werden laut BAG insbesondere «medizinische Angaben betreffend die Therapie und zum Therapieverlauf», konkret:
- Indikation und Diagnose
- Darreichungsform (z. B. Blüten, ölige Lösung, Fertigarzneimittel)
- Dosierung
- Wirkungen und Nebenwirkungen
- Therapieverlauf nach einem und zwei Jahren
Die Datenerhebung läuft bis 2029. Ziel ist es, die Evidenzlage zur Wirksamkeit und Sicherheit zu verbessern, denn diese ist nach Einschätzung des BAG zum heutigen Zeitpunkt für eine generelle Kassenvergütung «ungenügend».
MeCanna ist damit eine der grössten Real-World-Datenquellen zu Cannabisarzneimitteln in Europa, sofern die Meldedisziplin in der Praxis hoch ist.
Was diese drei Stränge zusammen ergeben
| Akteur | Art der Forschung | Was sie beiträgt |
|---|---|---|
| ISGF (UZH) | Patientenbefragung, Versorgungsforschung | Wer braucht Cannabis, mit welchen Hürden |
| ETH Zürich | chemische und pharmakologische Grundlagen | Wie Cannabinoide am Rezeptor wirken |
| BAG MeCanna | Real-World-Daten aus der Verschreibung | Wie sich Cannabistherapien im Alltag entwickeln |
Erst zusammen ergeben sie ein Bild, das stark genug wäre, um die heutige Skepsis bei der Kostenübernahme aufzulösen. Das BAG hält dazu fest, dass die «vorliegende Evidenz zur Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit … für eine generelle Vergütung derzeit jedoch ungenügend» sei.
Was Patientinnen und Patienten daraus mitnehmen können
- Die Therapieentscheidung sollte sich an etablierten Indikationen orientieren (chronische Schmerzen, Spastik bei MS, Übelkeit unter Chemotherapie), wo die Evidenz am tragfähigsten ist.
- Die Datenerhebung im Rahmen von MeCanna ist kein bürokratischer Selbstzweck, sondern die einzige strukturelle Möglichkeit, mittelfristig eine breitere Kostenübernahme durch die Grundversicherung zu erreichen.
- Wer eine Therapie beginnt, leistet zugleich einen Beitrag zur Schweizer Evidenzbasis, sofern die meldepflichtigen Angaben sauber erfasst werden.
Dieser Beitrag fasst öffentlich verfügbare Schweizer Forschungs- und Datenquellen zusammen. Er ersetzt keine ärztliche Beratung. Für eine individuelle Einschätzung sprechen Sie bitte mit einer Ärztin oder einem Arzt aus unserem Verzeichnis.
Quellen
- BAG-Medizinalcannabis-Studie (Projektseite, ISGF UZH) · Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung, UZH
- RCA Medizinalcannabis, Schlussbericht 2019 · ISGF, Universität Zürich
- Faktenblatt: Cannabiskonsum, rekreative oder medizinische Beweggründe? · ISGF, Universität Zürich
- Intoxicatingly light-sensitive (Carreira-Gruppe, photoschaltbares THC) · ETH Zürich
- Meldesystem Cannabisarzneimittel (MeCanna) · Bundesamt für Gesundheit BAG
- FAQ Cannabisarzneimittel (Evidenz und Kostenübernahme) · Bundesamt für Gesundheit BAG